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2. Dezember 2016 … der zweite Teil

Da hörte ich jemanden kommen, aber es waren nicht die Schritte meiner Mutter. Voll Angst unterdrückte ich mein Schluchzen und starrte ins grüne Dämmerlicht. Ich sah einen Mann, hoch und hager und müde, langes Haar fiel ihm ins Gesicht. Er war blass wie eine Hütte im Moor, auf die das Mondlicht fällt, und seine Stimme war leise und sanft. Als ich in seine Augen sah, verlor ich alle Furcht. Ich sah den Mutter-Blick in ihren grauen Schatten.

„Bist du es, Art, lennavan-mo, mein Kind?“, fragte er. Ich nickte, und er beugte sich zu mir und hob mich auf, und ich hatte nicht länger Tränen in den Augen. „Hörst du etwas, mein Kleiner?“, flüsterte er.

Ich lauschte angestrengt: „Ich weiß nicht, kommt von dort hinten im Wald Musik?“ Ja, jetzt hörte ich es genau, jemand spielte auf der Feadan, der Hafer-Flöte, es klang wie im Traum, traurig und schön. Callum Dall, der Pfeifer, konnte nicht besser spielen, und Callum war ein siebter Sohn und im Mondschein geboren.

„Willst du mit mir kommen, kleiner Art, in dieser Nacht der Nächte?“, fragte der Mann, und seine Lippen streiften meine Stirn.

„Das will ich gewiss“, sagte ich noch, dann schlief ich ein auf seinen Armen.

transparent-1096413_1920Als ich wieder erwachte, waren wir in der Jägerhütte am Ende der Schattenschlucht. Drinnen war ein langer roh behauener Tisch, Becher standen darauf, ein großer Krug mit Milch, ein Teller mit Haferfladen und ein braunes Roggenbrot.

„Art, kleiner Art“, fragte der, der mich trug, „weißt du jetzt, wer ich bin?“

„Du bist ein Fürst“, sagte ich scheu.

„Du sagst es, mein Lieber, und Fürst des Friedens werde ich genannt.“

„Und wer soll all das hier essen?“, fragte ich.

„Das ist das Abendmahl“, sagte der Fürst, so leise, ich konnte es kaum verstehen, „denn ich sterbe täglich, und immer, eh‘ ich sterbe, brechen die Zwölf das Brot mit mir.“

Und da entdeckte ich sechs Schalen auf der einen Seite des Tisches und sechs auf der anderen.

„Wie ist dein Name, Fürst?“, wagte ich zu fragen.

„Josa.“

„Hast du sonst keinen Namen? Wie heißt dein Vater?“

„Ich werde Josa MacDhee* genannt.“

„Und in dieser Hütte wohnst du, Fürst?“

„Ja. Aber Art, mein Kleiner, ich will deine Augen küssen, und du sollst sehen, wer mit mir isst.“ Und dann küsste der Fürst, der Josa genannt wird, meine Augen, und das ist der Grund, warum meine Seele nie trostlos war all die langen Jahre meiner Jahre.

Denn was ich sah, war seltsam und wunderbar. Zwölf Männer saßen um jenen Tisch, alle schauten Josa an mit Augen voller Liebe. Aber sie waren ganz anders als all die Männer, die ich kannte: hoch und schön und schrecklich wie ein Morgen in der einsamen Wildnis. Sie schienen mir in einen Nebel aus Licht gehüllt, und ihre Augen leuchteten wie Sterne. Nur einer war im Dunkeln, und ein Schatten lag auf ihm und in seinen wilden Augen.

(*MacDhee = Sohn Gottes)

Fortsetzung morgen…

Und hier die Orakelfrage für heute … wie schon geschrieben, geht es darum, sie den Tag über im Herzen zu bewegen, NICHT um eine Antwort! :

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Wie gelingt mir die Befreiung aus den Verstrickungen der Liebe, die mir nicht (mehr) gut tun, auf meine ganz eigene, liebevolle Art?

 

Hier fliegt die WANDERHEXE … Sonja Catarina Benandanti … mit Orakeln und anderen magischen Gehilfen